„For my last day, I will go see the sun“ –  Wenn Endlichkeit uns lehrt, das Leben zu nutzen 

Was, wenn du nur einen Moment hättest, um das Licht zu sehen? Vor einer Weile ist ein Anglerfisch aus den Tiefen des Ozeans bis an die Wasseroberfläche geschwommen was viele Menschen im Internet berührt hat. Normalerweise leben diese kleinen Lebewesen in einer Tiefe von 200 – 2.000 Metern und bewegen sich so gut wie gar nicht das sie Lauerjäger sind. 

Warum also hat es diesen Anglerfisch an die Wasseroberfläche verschlagen? Natürlich gibt es viele Möglichkeiten wie es dazu gekommen sein könnte, zum Beispiel könnte er einen anderen Fisch mit einer Schwimmblase oder Gasdrüse verspeist haben, wobei das sich ausbreitende Gas dem Anglerfisch Auftrieb gegeben haben könnte. Er könnte aber auch in eine Warmwassersäule geraten sein, da es bei seinem Fundort, den Kanarischen Inseln, eine Vielzahl von Vulkanischen Aktivitäten gibt  

Doch egal welche logische Erklärung es dafür gibt, wir Menschen sind emotionale Wesen und so sehen viele Menschen in dem Verhalten des kleinen Anglerfischs eine Metapher für das Leben selbst: kurz, flüchtig und dennoch voller Möglichkeiten zur Erfüllung. 

Aber warum berührt uns die Geschichte des kleinen Anglerfischs so emotional? Vielleicht weil wir uns selbst in ihr wiederfinden. Unser Leben ist geprägt von Höhen und Tiefen und unsere eigene Endlichkeit ist oftmals sehr präsent. Die Gedanken das man zu wenig getan hat und noch nicht genug erlebt hat begleiten sowohl junge als auch ältere Menschen und oftmals wissen wir nicht damit umzugehen. Doch wenn dieser Anglerfisch es schafft Erfüllung zu finden und ihr Ziel zu erreichen, warum sollten wir das nicht auch schaffen können? Wie Leben wir erfüllt, wenn wir mit unserer Endlichkeit konfrontiert sind? 

Woran legen wir fest, ob ein Leben erfüllt gelebt wurde? Viele Menschen messen Leben an Dauer oder Erfolgen, doch das sind nicht zwangsläufig die Aspekte auf die der meiste Wert fallen sollte.  Vielmehr ist die Art wie wir Leben der entscheidende Faktor, ob wir unser Leben als erfüllt und wertvoll betrachten.  Wenn wir bewusster leben und auch den kleinen Dingen, wie den Sonnenaufgang erleben, Zeit mit geliebten Menschen zu verbringen oder bei sich selbst anzukommen, mehr Wert und Gewicht zusprechen, kann selbst ein kurzes Leben voller echter Erfahrungen und Zufriedenheit sein und somit auch “mehr” sein als ein langes Leben, das von Routinen und der Angst vor Veränderung geprägt war. 

Wenn wir uns ansehen wie viele Religionen mit der Vergänglichkeit des Lebens umgehen findet man schnell heraus das sie nicht als Bedrohung, sondern als Ansporn gesehen wird, um bewusst zu leben. Im Christentum erinnert der Satz “Memento mori” – “Gedenke des Todes”- uns daran, die Zeit zu nutzen und ein Leben in Liebe und Achtsamkeit zu führen. Im Buddhismus lehrt die Vergänglichkeit die Kunst des Loslassens und die Suche nach innerem Frieden. Unabhängig von der Glaubensrichtung liegt in der Erkenntnis unserer Endlichkeit eine besondere Kraft: die Entscheidung, unser Leben mit Sinn und Freude zu erfüllen. 

Die Geschichte des Anglerfischs hat mich mehr berührt, als ich erwartet hätte. Vielleicht, weil sie mich daran erinnert hat, wie selten wir wirklich innehalten und uns fragen: Lebe ich gerade, oder funktioniere ich nur? 

Wenn ich ehrlich bin, lasse ich mich im Alltag oft von Kleinigkeiten stressen: To-do-Listen, Termine, Erwartungen. Ich verschiebe Dinge, die mir eigentlich wichtig sind, auf „morgen“ oder „wenn ich mehr Zeit habe“. Doch was, wenn dieses „mehr Zeit“ nie kommt? 

Die Vorstellung, dass unsere Zeit begrenzt ist, macht mir Angst, aber sie hat auch etwas Klärendes. Sie zeigt, was wirklich zählt. Ich frage mich: Würde ich anders leben, wenn ich mir meiner Endlichkeit mehr bewusst wäre? Wahrscheinlich ja. Ich würde öfter „Ja“ sagen zu spontanen Momenten mit Freunden. Ich würde weniger zögern, Dinge zu tun, die mir am Herzen liegen, auch wenn sie außerhalb meiner Komfortzone liegen. Ich würde mir selbst mehr erlauben: langsamer zu sein, Fehler zu machen, einfach zu sein. 

Was ich daraus lerne, ist nicht, dass ich jeden Tag perfekt nutzen muss, sondern, dass ich bewusster entscheiden kann, wie ich ihn nutze. Kleine Dinge können dabei einen großen Unterschied machen: einem Menschen sagen, dass er mir wichtig ist. Mir selbst erlauben, glücklich zu sein, ohne darauf zu warten, dass alles perfekt ist. Zeit nicht nur zu „verbrauchen“, sondern sie zu füllen, mit dem, was mir wirklich etwas bedeutet. 

Vielleicht ist das die größte Lehre: Wenn ich heute schon so lebe, dass ich am Ende sagen kann „Ich habe das Licht gesehen“, dann war meine Zeit, egal wie lang, erfüllt. 

Vielleicht müssen wir nicht unser ganzes Leben umkrempeln, um erfüllt zu leben. Vielleicht reicht es, wenn wir anfangen, jeden Tag wie einen kurzen Blick ans Licht zu sehen, ein Moment, der zählt, weil wir ihn wirklich erlebt haben. 

Denn wenn eines Tages unser letzter Tag kommt, wollen wir nicht sagen: „Ich habe gewartet.“ 

Wir wollen sagen: 

„Ich habe gelebt. Ich bin ans Licht geschwommen. Und ich habe es gesehen.“ 

Gerade wenn wir unsere Endlichkeit vor Augen haben, sei es durch eine Krankheit, einen Verlust oder durch eine berührende Geschichte wie die des Anglerfischs, wird uns bewusst, wie zerbrechlich, aber auch wie besonders unsere Zeit ist. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein, aber sie trägt auch eine große Chance in sich: Sie fordert uns auf, das Leben nicht aufzuschieben. Den eigenen Träumen zu folgen, Beziehungen zu pflegen, Dinge loszulassen, die uns nicht guttun, all das wird plötzlich dringlicher, echter. 

Erfüllung bedeutet nicht, dem Leben möglichst viel Inhalt aufzuzwingen. Es heißt vielmehr, sich bewusst für das zu entscheiden, was uns innerlich bewegt. Auch wenn das Ende nahe ist, oder vielleicht gerade dann, können wir tiefen Frieden finden, wenn wir wissen: Ich habe gelebt, nicht nur funktioniert. Ich habe geliebt, nicht nur gewartet. Ich habe das Licht gesehen, auch wenn es nur kurz war. 

Vielleicht ist das, was der Anglerfisch uns lehrt, genau das: Ein erfülltes Leben bedeutet nicht, jedem Tag verzweifelt nach Bedeutung zu jagen, sondern in den kleinen Momenten, den Begegnungen mit anderen und der Liebe zur Welt Erfüllung zu finden. Wir müssen nicht erst an die „Oberfläche“ schwimmen, um die Sonne zu sehen, wir können lernen, das Licht in unserem Alltag zu erkennen. 

Was bleibt, ist die Erinnerung an einen kleinen Fisch, der uns gezeigt hat, dass ein einziges Licht den dunkelsten Ozean erhellen kann, und dass unsere Zeit, so begrenzt sie auch sein mag, von uns mit Bedeutung gefüllt werden kann. 

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