Alle reden davon, die beste Version von sich selbst zu werden. Mehr Motivation, mehr Disziplin, mehr Erfolg.
Aber was passiert, wenn Veränderung plötzlich zu viel wird?

„Werde die beste Version von dir selbst.“
Diesen Satz habe ich so oft gehört, dass er sich irgendwann wie ein Befehl angefühlt hat. Auf Social Media, in Podcasts, in der Schule, sogar im Freundeskreis. Überall schien es Menschen zu geben, die früher aufstanden, härter arbeiteten, motivierter waren – und irgendwie alles im Griff hatten.
Und genau dadurch entstanden Selbstzweifel.
Bin ich gut genug? Mache ich genug?
Also dachte ich: Das muss ich auch schaffen.
Mein Plan war simpel.
Früher aufstehen. Mehr lernen. Sport. Besser essen. Mehr Fokus. Mehr Disziplin. Mehr Ich.
Am Anfang fühlte sich das sogar gut an. Ich hatte das Gefühl, endlich „mein Leben zu ändern“. Doch nach ein paar Wochen wurde aus Motivation Druck. Aus kleinen Zielen wurde eine endlose To-do-Liste. Aufgaben stapelten sich, bis daraus am Ende eine Liste mit über 700 Punkten wurde. Vieles entstand durch Aufschieben – aber auch dadurch, dass ich nicht Nein sagen konnte.
„Kannst du das gestalten?“ – Klar, mache ich, das macht mir ja Spaß.
Und so wurden es immer mehr Aufgaben.
Aus dem Wunsch nach Veränderung entstand Stress. Und aus Stress Unmotivation.

Ich war müde. Nicht nur körperlich, sondern auch mental.
Jeder Tag fühlte sich an wie ein Test:
War ich heute gut genug? Habe ich genug geschafft? Darf ich stolz auf mich sein?
Wenn ich etwas nicht geschafft habe, war da sofort dieses schlechte Gewissen. Ich hielt mich für zu schwach, zu faul, nicht diszipliniert genug. Während andere scheinbar ihr Leben optimierten und alles im Griff hatten, hatte ich das Gefühl, rückwärtszugehen.
Je mehr ich machte und schaffte, desto größer wurde die Erschöpfung.
Für Klausuren lernte ich stunden- und tagelang. Das Ergebnis: trotzdem „schlechte“ Noten – und völlige Erschöpfung. Der Druck von mir selbst wurde immer größer. Die Noten sagten mir dann wieder:
„Siehst du? Du machst zu wenig. Streng dich mehr an.“
Also versuchte ich noch mehr zu leisten. Ein Teufelskreis.
Irgendwann kam der Punkt, an dem gar nichts mehr ging. Ich habe sogar mein Hobby aufgegeben, um mehr Zeit zu haben. Keine Motivation mehr. Keine Lust, irgendetwas zu verbessern. Ich wollte einfach nur meine Ruhe.
Und genau da habe ich gemerkt, dass etwas falsch läuft. Denn Veränderung sollte mich nicht kaputt machen – sie sollte mir helfen.
Mir wurde klar: Ich wollte gar nicht unbedingt ein „besseres Ich“ werden.
Ich wollte nicht zurückbleiben.
Nicht das Gefühl haben, weniger wert zu sein als die anderen.
Und vor allem wollte ich, dass andere stolz auf mich sind – damit ich dieses Gefühl vielleicht auch selbst einmal spüren kann.
Das Problem war nicht der Wunsch nach Veränderung.
Das Problem war, dass ich dachte, ich müsste mich komplett neu erfinden, um okay zu sein. Dabei habe ich vergessen, dass Veränderung kein Wettkampf ist. Kein Trend.
Heute sehe ich das anders.
Change bedeutet für mich nicht mehr „höher, schneller, besser“.
Manchmal bedeutet es:
- einen Schritt zurückzugehen
- Pausen zuzulassen
- Erwartungen runterzuschrauben
- und sich selbst nicht ständig zu vergleichen

Ich habe mein perfektes Ich noch nicht vollständig gefunden, aber ich spüre, dass ich ihm näherkomme und langsam beginne, eine bessere Version von mir selbst zu werden – nicht im Sinne von makellos oder fehlerfrei, sondern ehrlich und authentisch.
Mit der Zeit habe ich gelernt, freundlicher und nachsichtiger mit mir selbst umzugehen, und vielleicht ist genau das die größte und wichtigste Veränderung, die ich bisher gemacht habe: sich selbst Anerkennung zu schenken und stolz auf den eigenen Weg zu sein. Fehler sehe ich nicht mehr als Rückschläge oder endgültige Niederlagen, sondern als notwendige Schritte auf einem Lernweg, der dazugehört und mich weiterbringt.
Nicht alles kann immer perfekt laufen, und das muss es auch nicht, denn ich kann dennoch versuchen, das Beste aus jeder Situation zu machen. Ich habe nur dieses eine Leben, also warum sollte ich mich ständig unter Druck setzen und von mir erwarten, alles richtig zu machen? Jeder Mensch lebt zum ersten Mal, und warum sollte ausgerechnet ich alles perfekt beherrschen müssen?
Vielleicht geht es beim Streben nach dem „besseren Ich“ gar nicht darum, jemand völlig Neues zu werden, sondern vielmehr darum, aufzuhören, sich selbst immer wieder kleinzureden und zu kritisieren.
Und vielleicht ist genau das – zumindest fürs Erste – schon genug.
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